Für Hotellerie, Projektentwickler und kommunale Tourismusverantwortliche ist die Frage nach dem Gästeverhalten mehr als Neugier. Sie entscheidet über Positionierung, Kooperationen, Ausstattung und im Zweifel über die Machbarkeit eines Neubaus.
Zwei unterschiedliche Perspektiven
Bestandsperspektive: Ein bestehendes Haus möchte wissen, wie seine Gäste die Umgebung nutzen. Welche Ausflugsziele, Innenstadtlagen oder Freizeiteinrichtungen werden während des Aufenthalts angesteuert? Wie weit fahren Gäste bereit? Wie unterscheidet sich das Verhalten zwischen Wochenende und Wochentag – also grob zwischen Freizeit- und Geschäftsreisenden?
Standortperspektive: Ein Investor oder eine Kommune prüft, ob ein Standort für ein Hotel trägt. Hier interessiert das Umfeld: Wie viel Publikum bewegt sich dort, aus welcher Distanz kommt es, wie stark schwankt das über das Jahr, und welche Nachfragetreiber liegen in der Nähe?
Was sich auswerten lässt
- Aufenthaltsmuster im Umfeld: Welche Geofences im Umkreis werden von Personen aufgesucht, die zuvor im Hotelgebiet waren – als aggregierte Besuchskette, nicht als individueller Weg
- Anreiseherkunft: aus welchen Regionen Gäste eines Hauses oder eines Hotelquartiers anreisen
- Aufenthaltslänge in der Region: wie lange sich Gäste insgesamt im Zielgebiet aufhalten, unabhängig von der gebuchten Nächtezahl
- Wochenmuster: Unterschiede zwischen Montag–Donnerstag und Freitag–Sonntag als Näherung für Geschäfts- und Freizeitreisende
- Saisonverlauf: Auslastungsmuster über das Jahr, auch im Vergleich zum Umfeld
- Umfeldfrequenz: Publikumsaufkommen rund um den Standort als Indikator für Gastronomie, Handel und Sichtbarkeit
Grenzen, die hier besonders wichtig sind
Zwei Einschränkungen sind bei Hotelthemen zentral:
Einzelne Häuser sind schwierig. Ein Hotelgebäude ist ein kleiner Geofence. Die Fallzahlen werden schnell zu gering, Nachbargebäude strahlen ein, und in Innenräumen ist die Positionsbestimmung ungenau. Belastbarer sind Auswertungen für Hotelcluster oder Quartiere – oder längere Zeiträume. Details unter Raum und Zeit.
Gast ist nicht gleich Gast. Bewegungsdaten erkennen keine Buchungen. Wer im Hotelgebiet übernachtet hat, kann auch Anwohner oder Beschäftigter sein – deshalb ist der Ausschluss von Home- und Workzone hier besonders wichtig. Und ob jemand geschäftlich oder privat reist, bleibt eine Annäherung über Wochentagsmuster, keine gesicherte Information.
Praxisnaher Zuschnitt
Statt „Wie verhalten sich unsere Gäste?" liefert die Frage „Welche fünf Ziele in 30 Minuten Fahrzeit werden von Übernachtungsgästen unserer Region am häufigsten angesteuert – und wie verteilt sich das über die Saison?" ein Ergebnis, mit dem man arbeiten kann. Der Unterschied liegt in der Abgrenzbarkeit.
Was daraus wird
Aus solchen Auswertungen entstehen konkrete Ansätze: Kooperationen mit den Zielen, die Gäste ohnehin ansteuern. Angebotsbündel entlang tatsächlicher Wege statt entlang von Ortsgrenzen. Öffnungszeiten, die zum Ankunfts- und Abreiserhythmus passen. Und im Fall der Standortprüfung eine Einschätzung des Umfelds, die über die reine Lagebeschreibung hinausgeht.
Für die Marktseite – Kaufkraft, Zielgruppenstruktur, Wettbewerbsdichte im Beherbergungsmarkt – sind Bewegungsdaten allerdings die falsche Quelle. Hier führen andere Datengrundlagen schneller zum Ziel; sinnvoll ist meist die Kombination beider Welten. Verwandte Themen: Tourismus und Hotspots und Standortanalyse.